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„Europäische Logistik in Nordhessen schafft Arbeitsplätze“

Frankfurt, 18. Juni 2003. Hessen – einer der fünf zentralen Logistikdrehpunkte in Europa? „Wenn wir die Fundamente jetzt legen, ist dieses Ziel erreichbar“, erklärt Roland Koch am 18. Juni 2003 in Frankfurt. Hessens Ministerpräsident traf sich zum Erfahrungsaustausch mit Allan Leighton, Chairman der Royal Mail Group, und Rico Back, Chef der europaweit tätigen GLS-Gruppe, die den Hauptsitz ihrer deutschen Tochtergesellschaft GLS Germany (vormals German Parcel) im hessischen Neuenstein für die europaweite Paketlogistik nutzt. Motto des einstündigen Gesprächs im Airportclub des Frankfurter Flughafens: „Europäische Logistik in Nordhessen schafft Arbeitsplätze“.

Gut platzierte Schnittstellen von Verkehrs- und Handelsströmen sichern nicht nur den Transit und die Verteilung von Waren, sondern schaffen auch Arbeitsplätze und setzen damit wichtige Impulse für Wachstum und Wohlstand. „Während Produktion und Fertigung immer häufiger ins Ausland abwandern, sind logistische Dienstleistungen direkt vor Ort zu erbringen und somit aus Deutschland und Europa nicht wegzudenken“, sind sich die Gesprächspartner einig und beschreiben damit eine Folge des derzeitigen Wandels von der Produktions- zur künftigen Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft.

Das Bundesland Hessen – stark geprägt durch den Dienstleistungssektor (76 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung) – hat die wachsende Bedeutung der Transport- und Logistikdienstleistungen erkannt. Als positives Beispiel gilt Bad Hersfeld. In der einst infrastrukturschwachen Region direkt am ehemaligen „Eisernen Vorhang“ siedelten sich zahlreiche Unternehmen wie GLS Germany, die Deutsche Post, Kühne & Nagel, Amazon oder Libri an. Tausende von Arbeitsplätzen sind entstanden.

Bildung und Wissenstransfer fördern

„Was hier erreicht worden ist, lässt sich auf die ganze Region Nordhessen übertragen“, sagt Koch. Die Bandbreite der Beschäftigungsformen in der Transport- und Logistikbranche reichen von einfachen Tätigkeiten wie Transport, Lagerung und Warenumschlag bis zu hochspezialisierten Aufgaben beispielsweise in den Feldern des Supply Chain Management, E-Commerce oder der Informationstechnologie (Netzwerk-Architektur, Programmierung, webbasierte Applikationen etc.).

Doch der Mangel an qualifizierten Fachkräften erweist sich mittlerweile als ein Hemmschuh für die Entwicklung der Region. "Durch die zunehmende Globalisierung und Vernetzung von Wirtschaftsprozessen, moderne Informationstechnologien und neue betriebliche Steuerungsmodelle haben sich die Anforderungen in der Logistik massiv verändert", beschreibt Rico Back vom Paketdienstleister General Logistics Systems (GLS) die Situation vieler Logistikunternehmen in Deutschland. "Viele der herkömmlichen Aus- und Weiterbildungsangebote sind nicht mehr zeitgemäß."

Ein Problem, das mit dem Berufs- und Wissenswandel einher geht, und dem alle Beteiligten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft Rechnung zu tragen haben. So sieht Ministerpräsident Koch es als eine der zentralen Herausforderungen an, Hessen als Bildungs- und Wissenschaftsland weiter zu entwickeln. „Wir wollen alle Hochschulen ermuntern, die Studienschwerpunkte verstärkt auf die Anwendungsbereiche in der Wirtschaft abzustimmen. Wir brauchen einen schnelleren Weg vom wissenschaftlichen Erkennen zur praktischen Anwendung.“

In diesem Zusammenhang lobt Koch die Nachwuchsförderung der GLS. In Kooperation mit staatlich anerkannten Berufsakademien bietet das Unternehmen praxisnahe Studiengänge an. Um den gestiegenen Anforderungen in der Logistikbranche gerecht zu werden, gilt es zudem, die internationale Ausrichtung der Logistikausbildung zu fördern. Ein viel versprechender Weg: der Austausch von Studierenden zwischen Deutschland und dem wichtigen Handelspartner Großbritannien. GLS-Chef Back und Allan Leighton, Chairman der britischen Post (Royal Mail Group), stellen in Aussicht, in Kooperation mit den Hochschulen europaweit Praktikumsplätze anzubieten und junge Studierende im Bereich Logistik bei der Erstellung von Diplomarbeiten zu unterstützen.

Hessens Standortvorteile nutzen – Infrastruktur optimieren

Aber nicht nur die Förderung des internationalen Wissenstransfers zählt zu den Rahmenbedingungen, durch die der Logistikstandort Hessen gestärkt werden kann. Das Zusammenwachsen Europas und die EU-Osterweiterung stellt die Region vor infrastrukturelle und verkehrspolitische Herausforderungen: Schätzungen zufolge wird der Personenverkehr bis 2015 um 20 Prozent, der Güterverkehr sogar um 60 Prozent steigen.

Auf der Agenda der hessischen Landesregierung steht daher nicht nur die Erweiterung des Frankfurter Flughafens, sondern auch der massive Ausbau des Schienen- und Straßennetzes. Hier geht es beispielsweise um die Schließung der Autobahnlücken A 44 (Kassel – Eisenach), A 49 (Kassel – Gießen), A 66 (Fulda – Frankfurt) und A 4 zwischen Hattenbach und Olpe sowie um den Ausbau weiterer Autobahnkreuze und Fernstraßen. „Wir betreiben die notwendigen Planungen für die Optimierung des Autobahnnetzes und die Komplettierung der Straßeninfrastruktur mit Nachdruck und fordern die Bundesregierung auf, die Mittel für den Bundesfernstraßenbau auszuweiten“, sagt Koch. „Die zeitnahe Realisierung der Infrastrukturprojekte ist für die Schaffung neuer Arbeitsplätze von entscheidender Bedeutung.“

Als wesentliche Verbesserung für die Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur stellt sich aus Kochs Sicht die Zweckbindung der Einnahmen aus der LKW-Maut dar, die im Bund-Länder-Kompromiss beschlossen wurde. Die Maut-Einnahmen sollen nach Abzug der Betriebskosten nun ausschließlich dem Verkehrshaushalt und dem Fernstraßenbau zugute kommen. Diese von den CDU-Ländern durchgesetzte Zweckbindung – wie auch die Entlastung der Speditionsunternehmen – bezeichnen Koch, Leighton und Back als wichtigen Schritt in die richtige Richtung. Denn nach wie vor sehen die Unternehmen die Maut äußerst kritisch“, fügt Back hinzu. Schließlich werde die Transportbranche mit rund 3 Mrd. Euro pro Jahr zusätzlich belastet. Allein die GLS Germany müsse ca. 6 Mio. Euro p.a. für die Maut aufbringen. Back: „Wenn schon unsere Branche diese finanzielle Bürde zu tragen hat, dann sollten die Mittel nicht zum Stopfen von Haushaltslöchern, sondern zweckgebunden für die Verkehrsinfrastruktur verwendet werden.“

Deregulierung der Märkte gefordert

Politischen Nachholbedarf gibt es aus Unternehmersicht auch hinsichtlich der Bürokratiebelastung deutscher Unternehmen. Ob Baugenehmigungsverfahren, die Dauer von Rechtsverfahren, die Vielzahl der bürokratischen Vorschriften im Arbeitsrecht und Arbeitsschutz oder die komplizierten Regelungen des Steuerrechts: Über 5.000 Gesetze mit mehr als 85.000 Einzelverordnungen schränken den unternehmerischen Spielraum empfindlich ein, hemmen die Investitionsbereitschaft und das Wachstum am Wirtschaftsstandort Deutschland. „Gerade im Vergleich zu anderen europäischen Ländern braucht Deutschland eine spürbare Befreiung von bürokratischen Hemmnissen“, sagt Back. „Der Markt ist überreguliert – erst die Deregulierung wird neue Wachstumsimpulse bringen.“

Und das gelte auch im Bereich der staatlichen Einflussnahme auf die Wirtschaft, beispielsweise wenn es um die Wahrung von hoheitlichen Aufgaben und die Vergabe von Sonderrechten geht. Als Chef der britischen Post hat Leighton Erfahrungen mit der Deregulierung des Postmarktes in Großbritannien: „Ein Prozess, der für staatliche Unternehmen recht schmerzhaft ist und nur dann funktioniert, wenn am Markt die gleichen Spielregeln gelten.“ Erst wenn die Bindung an hoheitliche Aufgaben gleichermaßen abgebaut wie der Markt liberalisiert würde, sei eine tiefgreifende Reorganisationen möglich, die am Ende die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen jedoch nachhaltig stärke.

Internationale Logistik gefragt

Eine Entwicklung, von der auch die breite Bevölkerung profitiert. „Europaweit gesehen hat die Liberalisierung der Paketmärkte das Wirtschaftswachstum angeregt, Arbeitsplätze geschaffen, den Servicegrad erhöht und die Kosten – vor allem für die Endverbraucher – gesenkt“, sagt Back. Qualitätskriterien wie Flächendeckung (die heute sogar noch zu den hoheitlichen Aufgaben zählt), Zuverlässigkeit, Datentransparenz und Servicegrad in der Paketabwicklung sind Grundvoraussetzungen, um im Wettbewerb bestehen zu können. Heute ist außerdem eine länderübergreifende Logistik gefragt. „Die Dienstleistung hat sich grundlegend gewandelt und findet – zumindest im Bereich Logistik – zunehmend auf internationaler Ebene statt“, sind sich Back und Leighton einig. „Dabei entstehen durch die Globalisierung neue Arbeitsplätze, in Europa, Deutschland und Hessen.“

Ein Beispiel: Seit eineinhalb Jahren setzt die US-amerikanische staatliche Postgesellschaft United States Postal Service (USPS) die GLS als Partner für die zuverlässige und zügige Distribution von jährlich über 1,6 Mio. US-Sendungen ein. Täglich kommen am Flughafen in Frankfurt am Main im Durchschnitt rund 5.500 und in Spitzenzeiten bis zu 30.000 USPS-Sendungen an. Von dort aus erfolgt der Weitertransport zum Zentralen Umschlag-Platz (ZUP) nach Neuenstein. Im Zollamt Bad Hersfeld werden die Pakete für den Versand in ganz Europa abgefertigt. „USPS entschied sich aufgrund der exzellenten Qualitätskriterien für die GLS als Dienstleister“, sagt Back. „Das Projekt hat nicht nur unserem Unternehmen einen Wachstumsimpuls gegeben, sondern auch im Zollamt Bad Hersfeld kräftig für Arbeit gesorgt.“

Chancen nutzen im ‚Europa der Regionen‘

Wo geht die Reise hin? Fest steht: Europa wird zum größten Binnenmarkt der Welt avancieren und muss sich als Wirtschaftsraum im globalen Wettbewerb vor allem mit den USA und Asien messen. Dabei wird sich Europa als wirtschaftliches und gesellschaftliches Gesamtgefüge nicht einheitlich entwickeln – „vielmehr werden wir in einem ‚Europa der Regionen‘ leben“, sagt Roland Koch. „Hier gilt es, unter der Bedingung offener Grenzen sich bietende Chancen zu nutzen, indem wir unsere Leistungsfähigkeit steigern und den außergewöhnlichen Wohlstand unseres Landes durch außergewöhnlichen wirtschaftlichen Erfolg sichern.“

Mit seiner zentralen Lage und starken infrastrukturellen Anbindung konkurriert der Wirtschaftsraum Hessen mit den großen internationalen Verkehrs- und Logistikdrehscheiben. „Um als Standort für international aufgestellte Unternehmen und die großen Global Player interessant zu bleiben, müssen wir uns für die großen logistischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts rüsten“, sagt Ministerpräsident Koch. „Was zählt, ist Flexibilität und wirtschaftliches Augenmaß bei politischen Entscheidungen und eine enge Kooperation zwischen Unternehmen und Politik. Nur so schaffen wir in Hessen auch weiterhin Arbeitsplätze – und sind einen Schritt voraus.“

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